5. November 2008...18:24

Kronenwiese Zürich – Schreckgespenst Arealüberbauung

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Kronenwiese (Bild Hochparterre)

Kronenwiese Zürich (Bild Hochparterre)

Die Grüne Partei, der Stadtzürcher Heimatschutz und Vertreter der Quartiervereine Wipkingen, Unterstrass und Zürich 5 sind gegen die Einzonung des unteren Teils der Kronenwiese in Unterstrass. Neben dem Erhalt von Grünzonen werden städtbauliche Überlegungen ins Feld geführt. Das Instrument der Arealüberbauung entwickelt sich immer mehr zum Schreckensszenario.

Das raumplanerische Ziel der Verdichtung nach innen ist unbestritten. Bauliche Verdichtung bietet die Möglichkeit, den steigenden Bedarf an Nutzflächen abzudecken, ohne einer weiteren Ausdehnung des Siedlungsgebietes Vorschub zu leisten. Ein Mittel dazu ist die Arealüberbauung, ein Instrument, mit dem höher und dichter als üblich gebaut werden kann. Dagen wehren sich die Anwohner.

„Selbstverständlich braucht es mehr Wohnungen, aber bei uns soll sich nichts ändern. Die Quartieregoisten verteidigen ihr Gärtli.“  Benedikt Loderer im Hochparterre Blog.

Höher und dichter wird von einem Grossteil der Bevölkerung mit Verlust an Lebensqualität gleichgesetzt. Die neuen Arealüberbauungen in Zürich Alstetten zum Beispiel scheinen ihnen – mindestens teilweise – Recht zu geben (siehe Stadtbaumeister Franz Eberhard zur Planung in Affoltern; NZZ v. 4.11.08). Wie lässt sich die Bevölkerung vom Gegenteil überzeugen? Notabene eine Bevölkerung, die zu grossen Teilen noch immer den Traum vom eigenen „Hüsli“ lebt (Ohne Hüsli kein Heil; NZZ Folio 05/04).

Stadt braucht Dichte

Das Wohnen in der Stadt erlebt zur Zeit eine Renaissance. Nach Jahren der Stadtflucht sind Grundstücke und Wohnungen in den Innenstädten wieder sehr gefragt. Die Nachfrage übersteigt deutlich das Angebot. Die Beweggründe für diesen „Rückzug“ in die Stadt sind neben den Vorzügen der kulturellen Vielfalt vor allem ökonomischer Natur. Die Voraussetzungen sind also gut, um das Bild der Stadt und vom „idealen Wohnen“ zu verändern.

Dichte darf dabei nicht mehr bloss als „notwendiges Übel“ verteidigt werden. Dichte ist eine Voraussetzung für eine attraktive Stadt. Aber der Begriff der dichten Stadt definiert sich nicht allein durch die numerische Bevölkerungsdichte, sondern bezieht eine Reihe kultureller Aspekte mit ein, die bei den jeweiligen Planungen eine Rolle spielen müssen:

  • Mischung von Funktionen
  • Soziale Integration
  • Gebäudedichte
  • Öffentliche Plätze
  • Architektonisch definierte Räume
  • Architektur mit urbanem Charakter
  • Beachtung typologischer und regionaler Traditionen
  • Kulturelle Auffassung von Stadt

Bestimmend dafür, wie lebenswert ein Quartier ist, ist die Freiraumqualität. Fraglich ist, wie stark die Entwicklung alleine dem Markt überlassen werden kann, der sich vorwiegend an den Ausnutzungsziffern, Grenzabständen und der eigenen Parzelle orientiert. Damit können die quartierspezifischen Qualitäten und damit die Identität des Quartiers nicht erhalten bleiben, denn die Summe von gelungenen architektonischen Einzellösungen ergibt noch lange keine stimmige städtebauliche Entwicklung.

Abstimmungen wie die Vorlage zur Kronenwiese oder auch zur Baulinie Neufrankengasse bieten eine ideale Plattform für notwendige Diskussionen.

Arealüberbauungen Die Vorschrift über Arealüberbauungen entspringt nicht, wie oft kolportiert, der BZO Hofmann. Eine vergleichbare Regelung gab es bereits in der Bauordnung von 1946. Heute gilt: Wer über 6000 Quadratmeter Land verfügt, der kann in 2-geschossigen Wohnzonen 3-geschossig bauen und in allen übrigen 7-stöckig. Dies ist im Planungs- und Baugesetz des Kantons Zürich festgelegt. Rechnet man das ausgebaute «Zürcher Untergeschoss» und das Attikageschoss dazu, erhöht sich die maximale Bauhöhe nochmals um 2 Stockwerke. In der W2-Zone ist eine maximale Gebäudehöhe von 11,5 Metern und in den übrigen Zonen von 25 Metern zugelassen. Auch die maximale Ausnützung ist in der Arealüberbauung höher als in der Regelbauweise, allerdings nur geringfügig. Im Gegenzug verpflichtet sich der Bauherr zu einer besonders guten Gestaltung und Ausstattung der Bauten. Das Amt für Städtebau verlangt in der Regel eine Testplanung, aus der die geplanten Volumen hervorgehen, sowie einen Architekturwettbewerb. Zudem wird die Beziehung zum Ortsbild überprüft sowie die Gestaltung der Freiräume und die Energieeffizienz der Bauten.

3 Kommentare

  • pierino cerliani

    >Wie lässt sich die Bevölkerung vom Gegenteil überzeugen?

    die bevölkerung muss nicht davon überzeugt werden, dass verdichtung im siedlungsinneren notwendig ist – das spüren alle, die je eine wohnung in zürich suchten in den letzten jahren am eigenen leib.

    aber die bevölkerung hat es satt, von den planernInnen und politikerInnen dauernd projekte nach dem motto „vogel friss oder stirb!“ vorgesetzt zu bekommen.
    die quartierbewohnerInnen sind durchaus mündig und wissen, was es in ihren quartieren braucht. wieso werden sie dann nicht endlich angehört, solange noch tatsächlich etwas bewegt werden kann?
    die folge dieser fortgesetzten missachtung ist der mit jedem monsterprojekt lauter werdende protest.

    als „bevölkerungsvertreter“ versuche ich im gemeinderat (und mit referenden gegen beschlüsse des gemeinderates: siehe http://www.kronenwiese-nein.ch) den leuten die ihnen gebührende stimme zu verleihen.

    (im übrigen bin auch sehr einverstanden mit ihrer beurteilung „die Summe von gelungenen architektonischen Einzellösungen ergibt noch lange keine stimmige städtebauliche Entwicklung“ – zumal ja längst nicht alle gebauten „architektonischen Einzellösungen“ auch als gelungen bezeichnet werden können…)

  • @pierino cerliani
    Was ich beobachte ist eine Verhärtung der Fronten. Wenn sich die beteiligten Parteien als Gegner betrachten und ihre Differenzen zu einem Kampf mit Siegern und Verlieren verkommen lassen, entstehen kaum gute Lösungen. Die „Gewinner“ feiern dann zwar ihren Sieg über den Gegner – die „Verlierer“ bleiben frustriert zurück und warten auf die nächste Gelegenheit die“Anderen“ zu bezwingen. Und dabei glauben beide Seiten immer im Recht zu sein.

    Für gute Projekte braucht es beide Seiten. Es bringt in der Tat wenig, die Bevölkerung bloss über Projekte zu informieren, an denen nichts mehr verändert werden kann. Und genauso wenig bringt es Arealüberbauungen grundsätzlich zu verteufeln. Dann passiert genau das, was wir in Zürich nun erleben: die Innenstadt – dort wo Dichte am meisten Sinn macht – wehrt sich hartnäckig gegen Verdichtungen, aus ganz unterschiedlichen Überlegungen und aus ganz unterschiedlichen politischen Richtungen. Stattdessen entstehen am Stadtrand, wo es keine starke Lobby gibt, hochverdichtete Siedlungen. Weil fern vom Zentrum, nicht gewachsen und kaum nutzungsdurchmischt brauchen diese viel länger, bis sie zu wirklich attraktiven Quartieren werden (wenn überhaupt). Das ist aber kein grundsätzliches Argument gegen Arealüberbauungen oder siebengeschossige Bauweise.

  • pierino cerliani

    gut beobachtet, herr imbach!

    zum einen hat das wohl mit dem zu tun, was ich oben beschrieben habe: wer dauernd übergangen wird, geht unter oder wird militant – ich war selber einige jahre auch in einem quartiervereinsvorstand tätig. in 8 von 10 fällen, in denen wir nöte und sorgen der quartierbevölkerung an die behörden weiterleiteten, um im gespräch eine bessere lösung zu erreichen, blieb der erste anlauf folgenlos, auch wenn die verbesserungsvorschläge fundiert und konstruktiv waren. wenn überhaupt jemand sich bereit erklärte, die quartieranliegen anzuhören…

    zum zweiten hat ihre beobachtung mit der zuspitzung in den medien zu tun: wenn die medien überhaupt über solche prozesse berichten, interessiert es sie nur, wenn die fetzen fliegen – „notfalls“ wird der konflikt selber konstruiert. so geschehen mit der orientierung der medien über die argumente gegen die überbauung der kronenwiese: das den medien abgegebene, n.b. wohlabgewogene, dossier (kann auf als .pdf heruntergeladen werden) wurde auf eine nebensächlichkeit reduziert und lächerlich gemacht: die angst vor hochhäusern und die sorge um die eidechsen wurden im tagi thematisiert; der rest der fundiert aufbereiteten informationen war kaum eine zeile wert.

    @arealüberbauungen:
    zum glück hat die stadt unterdessen auch erkannt, dass das instrument der arealüberbauung entscheidende mängel hat (z.b. willkürlich festgelegte parzellengrösse, zu grosse höhenunterschiede, fehlende definition der „besonders guten gestaltung“ etc.) und ist daran, zu überlegen, wie diese behoben werden können.
    meiner ansicht nach bräuchte es neben dem breiten dialog über die richtung der stadtentwicklung auch neue instrumente für die planung: so etwas wie quartierentwicklungspläne, die besser in der lage sein müssten, auf spezifische lokale bedürfnisse einzugehen als die regelbauweise und die punktuellen (und von eigentümerinteressen geleiteten gestaltungspläne)
    das könnte eine spannende und fruchtbare diskussion geben!


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